Das Netz ist das, was Du draus machst

Das Netz und so, In eigener Sache, Internet und Gesellschaft

Pfandgeld

Schon wieder in eigener Sache. Weil wichtig 🙂

Vorletzten Freitag ging ich unsere Kleinkapitalanlagen auflösen. In bester Laune schleppte ich die sich seit Äonen in unserem Keller befindlichen Pfandflaschen zum hiesigen Nahversorgungszentrum.

WĂ€hrend ich an einer dieser großen, ArbeitsplĂ€tze-vernichtenden und seltenst reibungslos funktionierenden Maschinen stehe, schleicht ein Mann Mitte 60 um mich herum. Irgendwann geht er zum MĂŒlleimer und sucht darin. Ich sehe ihn mir an. Er ist sehr ordentlich gekleidet – altes, aber gepflegtes Jackett, geputzte Schuhe, die alte Stoffhose hat eine akkurate BĂŒgelfalte und der Mann hat sich morgens frisch rasiert. Ich brauche an dem Automaten eine halbe Ewigkeit, und als ich das nĂ€chste Mal schaue, ist er um die Ecke verschwunden.

Eine meiner Flaschen funktioniert nicht. Ist eine aus der Schweiz, also mal nicht die Schuld des Automaten. Als ich gehe, ist der Herr wieder da und fordert mich auf, ihm die Flasche zu geben. Ich bedauere, dass ihm die Flasche nicht helfen wird – er sieht sie sich dennoch an. Als er kopfschĂŒttelnd sagt, die mĂŒsse man wohl wegschmeißen, reiche ich ihm meinen Pfandbon. Auf seine Frage: “Was soll ich denn damit?” sage ich ihm, den wolle ich ihm gerne schenken, wenn er denn möge.

Er bedankt sich herzlich und geht den Bon sofort einlösen. Wieder zu Hause fange ich an zu heulen. Und denke seitdem ĂŒber diese Begegnung nach.

NatĂŒrlich habe ich schon mitbekommen, wie Menschen in MĂŒlleimern nach Pfandflaschen suchen. Bin ja nicht blind. Aber das war nicht die “Ich-bin-durchs-soziale-Netz-gefallen-und-schlafe-zwischen-Autos”-Armut. Das ist die neue “Meine-Rente-reicht-am-Ende-des-Monats-nicht-mehr-fĂŒr-Essen”- Armut. Die eine ist selbstredend nicht weniger tragisch als die andere. Warum ich auf diese Geschichte dennoch relativ heftig reagiert habe, liegt vermutlich an drei Faktoren:

Zum Ersten ganz wesentlich an diesem Blogpost von mamamiez ĂŒber ihr persönliches Erlebnis mit Altersarmut. Als mir der Mann gegenĂŒber stand, fiel mir der Text und die dazugehörige Diskussion unter dem Blogpost ein. Das war der einzige Grund, weshalb ich mich traute, ihm den Bon einfach in die Hand zu drĂŒcken. Ich mache das ungern, denn ich will niemanden in Verlegenheit bringen und eventuell Scham auslösen. Dabei bin ich mir bewusst – wie auch in der Diskussion auf “Bis einer heult” des öfteren angesprochen wird – dass ein Pfandbon absolut gar nichts besser macht. Im Optimalfall erspart er dem Mensch einen Tag Suche nach Pfandflaschen am Ende des Monats. Das ist leider ziemlich wenig.

Zum Zweiten am GesprĂ€ch mit meinem Lieblings-Sozialfall am Tag darauf. Der ist Papa, hatte nie großartig die Chance auf eine Ausbildung, und ist seit gefĂŒhlten 15 Jahren StraßenverkĂ€ufer der Obdachlosenzeitung. Wenn ich ihn vor dem Supermarkt treffe, bringe ich ihm meistens etwas Essbares mit – dann weiß ich, er kocht fĂŒr sich und seinen Sohn. Am Samstag erzĂ€hle ich ihm von meiner Begegnung, denn er kennt ja die meisten anderen. Diesen Mann kennt er nicht, aber er sagt etwas recht Eigenartiges. Er erzĂ€hlt mir, dass es ihm immer hĂ€ufiger passiere, dass gerade Ă€ltere Menschen bedauern, ihm kein Geld geben zu können – speziell am Ende eines Monats. Und er sagt, diese Generation tue ihm furchtbar leid. Ihm. Leid.

Zum Dritten an etwas, das vor allem das Netz betrifft. Ich hole ein wenig weiter aus:
Mittlerweile nutzt etwa 1 Milliarde Menschen auf der Welt das Internet. Dabei gibt es zwar eine deutliche Ballung in den Industrienationen, aber auch Ă€rmere LĂ€nder sind bereits an das Internet angeschlossen, Tendenz weiter steigend. Viele Menschen nehmen hier im Netz an Diskursen teil und geben sich und ihren Belangen eine Stimme. In Deutschland (und es wird im Rest der Welt ganz Ă€hnlich sein) ist aber vor allem eine Generation zahlenmĂ€ĂŸig immer noch unterreprĂ€sentiert. Die ARD/ZDF-Studie fasst sie unter dem Namen “Silversurfer” zusammen. Den geringsten Anteil an Onlinern bilden somit die Menschen ab 70.

Zieht man das in Betracht, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass eine komplette Generation (und zwar eine zahlenmĂ€ĂŸig im Grunde genommen ĂŒberaus einflussreiche) von dem einzigartigen Sichtbarmachen von Diskursen im Internet quasi ausgeschlossen ist. Im Blogpost auf “Bis einer heult” oder in Postings wie meinem hier sehen wir Einzelschicksale, die von anderen (Nicht-Betroffenen) verbalisiert und digitalisiert werden. Gehen wir davon aus, dass das lediglich ein sehr, sehr kleiner Ausschnitt ist, den wir hier, im Netz, erleben. Weil es hier kaum Sprachrohre fĂŒr diese unterreprĂ€sentierte Gruppe gibt. Deren Schicksale gehen uns aber ebenfalls etwas an. Wir lesen derzeit hĂ€ufig vom einseitig aufgekĂŒndigten Generationenvertrag. Ich frage mich, ob wir uns alle im Klaren darĂŒber sind, wie viele Menschen wir im Stich lassen, wenn wir im Netz so wenig ĂŒber Altersarmut sprechen.

Das ist eine etwas gewagte These. Ich habe also eine kurze Recherche angeschlossen und google.de befragt: Eine Suche zu “Altersarmut in Deutschland” ergibt ca. 845.000 Treffer. Das ist ganz beachtlich. Eine Suche unter den willkĂŒrlich gewĂ€hlten Stichwörtern “Schönheitsideal Frau” zeigt aber 9.970.000 Ergebnisse. Ein MissverhĂ€ltnis, das zumindest einmal konstatiert werden sollte.

Altersarmut existiert in Deutschland. Sollten wir nicht Àndern, dass sie online kaum in unseren Fokus gerÀt? Ich bin sehr gespannt auf Eure Meinungen hierzu. Schreibt mir nen Kommentar, ja?

Update: Hier bloggt der König von Haunstetten sehr differenziert zum Thema Altersarmut – und erklĂ€rt, warum ein richtiger Weg ĂŒber den flĂ€chendeckenden Mindestlohn fĂŒhren könnte. Er Ă€ußert aber auch berechtigte Skepsis an der Reichweite einer solchen Diskussion im Internet. Ich habe ihm geantwortet.

Hier kann die PrĂ€sentation von Dunkelangst zum Thema “Social Networks” angesehen werden. Er entwickelt darin Ideen, wie sich die Kommunikation und Vernetzung zwischen den Blogs verbessern lĂ€sst. Um wieder einen stĂ€rkeren Akzent auf die Weblogs und die Vernetzung untereinander zu legen. Ich verlinke das deshalb hier im Beitrag, weil wir weiter unten in der Diskussion auch Zweifel an Einfluss und Reichweite eines solchen Diskurses im Netz bzw. in der BlogosphĂ€re sehen. Warum das nicht unbedingt so bleiben muss, und was im eigenen Blog als social tool noch fĂŒr Potential steckt, könnt Ihr Euch in dieser PrĂ€sentation und im sicher bald folgenden Videobeitrag ansehen.

  1. Danke! Ein wichtiges Thema. Eine Möglichkeit wĂ€re, es durch eine “Blogparade” ieiner breiteren Netzöffentlichkeit ins Bewußtsein zu bringen. Warum soll es nur Blogparaden zu “Soulfood” oder “wie können wir unsere Töchter stĂ€rken” geben? Nichts gegen diese Themen.

    Leider ist mein Blog nur ein Nischenblog und hat nicht die dafĂŒr erforderliche Reichweite. Ich habe auch schon zu dem Thema geschrieben und zwar im Zusammenhang mit PflegebedĂŒrftigkeit.:
    Neulich in der Alzheimer-Angehörigengruppe
    http://alzheimerblog.wordpress.com/2010/09/01/neulich-in-der-alzheimer-angehorigengruppe/

    • Super Idee! (Siehe weiter unten) Und: Einen spannenden Blog hast Du da. Ich denke, ich sammle hier noch ein wenig, und dann könnten wir uns kurzschließen, um sowas wie eine Blogparade zu dem Thema mal gemeinsam anzustoßen. Danke!

  2. Es sind die kleinen Dinge, vor denen man so gern die Augen verschließt, vor allem, weil es so leicht ist.
    Und es erinnert mich daran, dass ich mich bereits ein halbes Dutzend Mal geÀrgert habe, nichts zu Essen dabei zu haben, um es den meinem Blickfeld auf dem Arbeitsweg wohlbekannten Figuren zukommen zu lassen.
    Danke fĂŒr den Finger in der Wunde.

  3. Ich finde es gut, dass du ihm den Bon ĂŒberlassen hast und dein SchamgefĂŒhl diesbezĂŒglich ĂŒberwunden hast. Ein tolles Projekt fĂŒr’s Netz wĂ€re vermutlich einen Podcast zu machen mit Interviews von NonSilverSurfern.

    • Auch das ist ne prima Idee! Kann ja im Prinzip jede_r machen, wie er_sie mag: Ob als Text, als Podcast … vielleicht kommt auf diese Weise tatsĂ€chlich ein wenig mehr GesprĂ€ch auf – neben einigen wenigen Artikeln in großen Online-Zeitungen, meine ich 🙂

  4. Gerade via Twitter hierher gekommen. Ich alter Sack! :))

    Du vermengst da einiges. Sehr.
    Ja es gibt Altersarmut. Das war absehbar. Es wird Altersarmut in deiner Generation geben. Ja. Das ist ein Problem. Ja. Aber was hat das mit dem Netz zu tun?

    Ich bin 61 und habe silbernes Haar, schon seit bald 20 Jahren. In 5 Monaten beginnt der passive Teil meiner Altersteilzeit und in weiteren 2 Jahren gehe ich echt in Rente. Nein, ich werde wahrscheinlich nicht in Altersarmut versinken, aber es wird knapper. Und ich hasse den Begriff Silversurfer. Der ist so Sinn entleert, wie der Begriff Generation Golf. Oder die Diskriminierung blonder Frauen.

    Ich hatte meine erste Homepage 1999, blogge seit 2002, hatte Teil an wirklich großen Literaturforen. Und dort umgaben mich auch gleichaltrige Leute. Ich war und bin aktiv im Netz. Es gibt riesige Senioren-Foren und Communities, die meist den Touch von digitalen Butterfahrten haben, ich mag sie nicht, aber es gibt sie. Ein Arbeitsleben ohne Computer kenne ich nicht, auch wenn dies zu Anfang Lochkarte und Lochstreifen hieß. All diese IT-Welten sind nicht aus der Welt gefallen. Sie wurden aufgebaut. Entwickelten sich.

    Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

    Du begegnest diesen Menschen wahrscheinlich nur selten im Netz, weil sie sich schlicht anderswo herumtreiben, behaupte ich einfach einmal. Schonmal bei WkW nachgesehen? WkW war DIE Killerapplikation fĂŒr Menschen > 50. Und die migrieren alle nach Facebook. War wenigstens so. Ich habe beide “Netzwerke” verlassen, weil mir das zu mainstreamig und zeitfressend ist.

    Du gehst davon aus, dass “Deine” Generation aktiver im Netz ist? Mit Diskursen? Wenn man den Unfug bei Facebook sieht bestimmt nicht.
    Guck dich einmal um. Internet ist in aller Regel Porno, daddeln und saugen.
    Das Netz als wohl geordneter Raum, in dem Diskurse stattfinden um Sprachrohr fĂŒr Altersarmut zu sein? Scheint mir eine sehr, Ă€h, idealistische akademische Sicht zu sein.

    Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

    Aber konkret: Zum Pfandproblem empfehle ich:
    http://www.pfand-gehoert-daneben.de/

    Off Topic:
    Altersarmut ist ein politisches Problem. Ja.
    Ich bin voriges Jahr ĂŒbrigens bei den GrĂŒnen ausgetreten. VordergrĂŒndig wegen anderer Dinge. HintergrĂŒndig aber auch wegen solcher Probleme, denen sich eine alternde Partei aber nicht stellt. Ist nicht ihr Klientel. Eine grĂŒne Sozialpolitik gibt es nicht wirklich, so wenig wie ernsthafte Netzpolitik, in der Breite der Partei.

    Aber ich finde es wirklich gut, dass du das fĂŒr dich hier verbalisierst!

    • Sehr interessant, die Darstellung aus deiner Sicht der Dinge – und z.T. mit Aha-Effekt (WkW).
      Den Begriff “Silversurfer” empfinde ich als ebenso widersinnig wie die vielen weiteren Schubladen, die sich KategorisierwĂŒtige so gern ausdenken. Es hilft allenfalls bei der Identifikation von Problemfeldern, weniger aber bei deren Adressierung.
      Internet ist Porno, daddeln, saugen: Richtig. Aber eben nicht nur: Mittlerweile ist googeln und SocialMedia dazugekommen. Was Google ist, war frĂŒher(tm) mal Altavista, die Rechercheziele sind weiterhin Porno, Spiele, Downloads. Aber eben auch Leute, nach denen vor 15 Jahren kaum jemand eine Suchmaschine befragt hĂ€tte.
      Parallel dazu nutzen inzwischen selbst netzophobe Rentner wie bspw. meine Eltern Internetbanking, Wikipedia, Facebook und Email (wenn auch hauptsĂ€chlich fĂŒr Versicherungen, VertrĂ€ge und Co.) – auch wenn das eher durch die offensichtliche Bequemlichkeit der Informationsbeschaffung als durch Überzeugung getriggert ist.

      Ich gebe dir Recht, wenn du sagst, es mutet “idealistisch akademisch” an, etwas in Blogs thematisieren und ggf. sogar adressieren zu wollen – das betrifft nicht nur die Altersarmut, sondern auch beliebige weitere Themen. DafĂŒr ist die “BlogosphĂ€re” schlicht nicht einflussreich genug.

      Nichtsdestotrotz: Eine genĂŒgend große kritische Masse entsteht auf Blogs auch ĂŒber die Zeit – ebenso, wie es mit Informationen ĂŒber “normale Menschen” mittels Social Media passierte. Und wenn man in zwanzig Jahren mit entsprechend grassierender Altersarmut einer dann durchaus netzaffineren Ă€lteren Generation gegenĂŒbersteht, mag eine stete, kleine, nach wie vor vorhandene historische Information gefunden werden. Und als Teil einer dann grĂ¶ĂŸeren Welle dienen.

      • Danke, Euch zwei! Ich denke, wir sind uns in einem Punkt absolut einig: Meine Sicht auf das Internet ist eine hochidealistische. Ein paar Jahre lang hat mich daher die Entwicklung der Social Media richtiggehend traurig gemacht. Es ist, wie in einem Blog stand, den ich nicht mehr finden kann. Ich zitiere aus dem GedĂ€chtnis: “Stell Dir vor, Du hast das mĂ€chtigste Kommunikationsmittel der Welt. Und alle nehmen es und benutzen es, um Katzenbilder und Essensfotos zu teilen.” Brecht dreht sich im Grabe um … Mittlerweile aber denke ich, Du kannst ohne die Pornos und Katzenbilder kein basisdemokratisches Medium aufbauen. Die Gesellschaft ist bunt, und die meisten interessieren sich nicht fĂŒr die Diskurse, fĂŒr die ich mich interessiere. Andererseits kann ich mich hier mit Menschen austauschen, die ich ohne das Netz nict kennen gelernt hĂ€tte – und die sich durchaus auch fĂŒr anderes interessieren.
        Ich kann Dir @mikel, nicht ganz folgen, was die Vermischung angeht, die Du siehst. Mein Punkt ist, dass ich glaube, wir brauchen im Netz ein tatsĂ€chliches Abbild der Gesellschaft, um es fĂŒr alle nutzbar zu machen. Der Begriff der Silversurfer ist ziemlich lĂ€cherlich, dĂĄccord, aber es ist ein mit harten Zahlen belegbarer Fakt, dass Du mit Deinem Netzverhalten in Deiner Generation die Ausnahme bist. NatĂŒrlich gibt es Menschen ab 60 im Internet.
        Viele sind es jedoch nicht, verglichen mit den nahezu 100% in der Generation der 14-29-jĂ€hrigen. Und ich zĂ€hle Online-Banking nicht zur “Nutzung” des Internet dazu.
        Danke Dir fĂŒr die explizite Verlinkung auf die Pfand-gehört-daneben-Aktion. Vielleicht ist die ein gutes Beispiel fĂŒr das, was ich meine – und was Steffen so schön mit der zeitlichen Dimension ausdrĂŒckt: FĂŒr sich genommen ist jede daneben gestellte Pfandflasche nur eine kleine, menschliche Geste. Nicht unbedeutend, aber, honestly: Who cares? Mit Verbreitung und Information wird daraus eine große Geste, eine, die eine bestimmte kritische Masse erreicht oder vielleicht erst in einigen Jahren erreichen wird. Oder so formuliert: Deine (kleinen, völlig unbedeutenden) Taten werden gesehen und kommuniziert. Wenn etwas im Netz besprochen wird, hat es in aller Regel den Vorteil eines höheren Multiplikators. Und wie Du selbst feststellst: Die Entwicklungen im Bereich der Computertechnologie sind doch bereits so stark mit unserem “Offline”-Leben verknĂŒpft – kann da tatsĂ€chlich noch von einer Vermengung zweier getrennter Bereiche, wie Du sie oben angedeutet hast, gesprochen werden? Vielleicht magst Du mir dazu noch was schreiben. 🙂

        @Steffen: Du erklĂ€rst mir meine zweite Überschrift besser als ich es selbst könnte: Das Netz ist das, was Du draus machst. Danke.

      • Tut mir Leid, aber dein idealisiertes Bild vom “Netz” kann ich nicht teilen. Ob es in 20 Jahren die Server von WordPress.com noch gibt? Nur z.B. Übrigens ein interessantes Problem, die Nachhaltigkeit von Netzinhalten.

        • Ich teile deine EinschĂ€tzung bzgl. der Haltbarkeit von Informationen im Netz, besonders, wenn es um Dienstleistungen geht. Deswegen auch z.B. die Forderung vom Lobo, Inhalte wieder eigenhoheitlich zu halten (http://www.youtube.com/watch?v=dDiZ-mdKr9w).

          • … sagte der Mann, der gerade seinen seit 5 Jahren nicht mehr gepflegten Blog aus den Tiefen des Netzes gezogen hat 🙂 Das Problem der digitalen Archivierung ist ein anderer, ziemlich umfassender Bereich – ĂŒber den ich nur so viel weiß, dass sich sehr kluge Menschen momentan intensive Gedanken darĂŒber machen. Auch hier lohnt sich aber ein Abgleich: Wie ist das denn mit der Archivierung von Alltagsthemen z.B. im Printmedium, oder mit der mĂŒndlichen Tradierung von Inhalten bisher gewesen? Wie viel wurde ĂŒbermittelt, und wie viel ist wohl verloren gegangen? Ich denke, digital gibt es die bisher grĂ¶ĂŸte Chance, etwas anderes als Kinderlieder, Blondinenwitze, VolksmĂ€rchen und elaborierte fachliche Diskurse von Experten tatsĂ€chlich zu tradieren. Die Chance nĂ€mlich, everybodyÂŽs voice ĂŒber einige Zeit festzuhalten. Oder wer hĂ€tte einem von uns vor 50 Jahren ernsthaft zugehört, geschweige denn versucht, aufzuzeichnen und zu tradieren, wovon wir vielleicht gesprochen hĂ€tten? Und selbst wenn: Eine realistische EinschĂ€tzung aller anderen Speichermedien muss dann auch sein. Ein Brand in der Anna Amalia Bibliothek vor einigen Jahren hat uns das mit den BĂŒchern und der Haltbarkeit wieder vor Augen gefĂŒhrt, weswegen es mittlerweile riesige Projekte zur Digitalisierung der alten BuchbestĂ€nde gibt. Also auch die Bibliophilen sehen die bestmögliche Sicherung im Vorhandensein einer digitalen Kopie. Dass hierzu Aufbewahrungsorte gefunden werden mĂŒssen, die sicher sind und der eigenen Kontrolle unterliegen, da stimme ich Euch selbstverstĂ€ndlich zu.

      • Nur kurz eingeworfen: Und deshalb ja auch die Ironblogger. Hier werden eher wirklich die eigenen Blogs gepusht. Wenn nun einige erstmal mit wordpress.com anfangen ist das schon ok, denn vielleicht hosten sie ihre Inhalte irgendwann selbst.

        Besser als dass gute Diskussionen und Gedanken zwischen undurchsichtigen Filtern und Anzeigeeinstellungen eines großen sozialen Netzwerkes verloren gehen wĂŒrden…

        GrĂŒĂŸe
        DD

        • Hm. Ja, Du hast sicher Recht. Obwohl ich das mit den “Der darf bei den IronBloggern mitmachen und der aber nicht”- Regeln bis heute nicht begriffen habe. Auch, dass einige Menschen nicht auf fremdgehostete Blogs verlinken, ist mir, ehrlich gesagt, ein RĂ€tsel. Wenn wir die Blogs als Social Tools einordnen, ist es doch gerade von Vorteil, wenn auch Menschen, die nicht selbst coden können, die Möglichkeit gegeben wird, sich mithilfe grĂ¶ĂŸerer Plattformen zunĂ€chst an das Thema heranzuwagen. Ich hĂ€tte ohne wordpress nicht angefangen, zu bloggen. Neverever. Aber 2 Minuten irgendwo anmelden, und dann drag and drop? Na gut, dann kann ich das probieren. Jetzt blogge ich seit ein paar Monaten und möchte, so bald es mir möglich ist, diesen Blog in einen selbstgehosteten ĂŒberfĂŒhren. Weil das learning by doing wirklich sehr viel bringt.
          Diese Zweiteilung in die “echten” und die “falschen” Blogs aber stört mich enorm. Das hat etwas davon, nur bei den “coolen Kids” mitspielen zu dĂŒrfen, wenn man technisch auch genug versiert ist. FĂŒr mich zĂ€hlen, wie Du auch sagst, die Inhalte wesentlich mehr als das Setting. Nicht zuletzt hĂ€tte ich Euch nicht kennen gelernt, hĂ€tte ich diese “Hilfe” nicht gehabt. WordPress kann also so ĂŒbel ja gar nicht sein 🙂

    • Hallo mikel, Hallo Luna, Hallo Alle,

      wie Du mikel bin ich ebenfalls seit dem letzten Jahrtausend im Netz unterwegs. Ich bin jedoch fast zwei Jahrzehnte jĂŒnger als Du und lebe auf dem Land. Und doch gehöre ich mit meiner NetzaffinitĂ€t – nicht nur fĂŒr Shoppen und Online-Banking, sondern auch mit HTML-, CSS- und PHP-Basiswissen, diversen selbst erstellten Websites und Blogs sowie Twitter-Account – auch noch zu einer Minderheit meiner Generation. Weder in der Generation meiner Eltern (nur wenig Ă€lter als Du), noch in der meiner Großmutter kenne ich auch nur EINEN aus meinem Bekanntenkreis, der das Internet so selbstverstĂ€ndlich als Kommunikationsmedium nutzt. Und das bedenken und berĂŒcksichtigen aus meiner Sicht weder routinierte Webpublizisten, noch die Piraten als Netzpartei in ausreichendem Maße. Ich meine, das hat die Juna schon ganz richtig beobachtet und eingeschĂ€tzt.

      Nun noch ganz kurz was zum Thema Altersarmut oder wachsende Armut in der Gesellschaft allgemein:
      Ich finde die Aufmerksamkeit und das MitgefĂŒhl, das Du Juna und auch Mamamiez vor einiger Zeit mit Eurem spontanen Engagement gezeigt habt, uneingeschrĂ€nkt toll. Auch dass Ihr darĂŒber gebloggt habt, finde ich prima, denn es bringt vielleicht ein paar andere dazu, etwas aufmerksamer fĂŒr die Nöte von Menschen in ihrer unmittelbaren NĂ€he zu werden.
      Was ich aber nicht mehr so toll finde, sind Organisationen wie die Tafeln. Denn die privatisieren m.E. die Verantwortung, die eigentlich die gesamte Gesellschaft fĂŒr die Absicherung finanziell schwĂ€cher Gestellter hat und sorgen dafĂŒr, dass der Staat sich mehr und mehr aus seiner Verantwortung stiehlt. Zudem verfestigen sie ein Klassensystem, in dem Reiche ĂŒber Armut und Arme richten. Wohlhabende legen dann nach Gutsherrenmanier die Bedingungen fest, nach denen Menschen die Hilfe der Gemeinschaft “verdienen”. Das halte ich fĂŒr unsozial und undemokratisch.

      Herzliche GrĂŒĂŸe,
      Netzgaertnerin

      • Danke fĂŒr Deinen Kommentar! Auch da stimme ich Dir zu. Wir haben hier in Heidelberg zwar viele unterschiedliche, und in meinen Augen vorbildliche, Organisationen – ich habe zum Beispiel mal was ĂŒber den Kinderschutzbund getwittert, bei dem jede/r Kinderkleidung tauschen kann ohne sich vorher als “vom Amt bedĂŒrftig” ausweisen zu mĂŒssen. Aber der Trend nach einer Art amtlich beglaubigten Armut (denn hier liegt das Problem ja im Gegenpol: Was sind dann alle anderen? Selbstverschuldet arm? Haben nicht arm zu sein? Hm.) ist da und ĂŒberaus bedenklich.
        Mein persönlicher Aufreger im Hinblick auf die Tafeln war dieser: Hier im REWE fand eine Sammlung statt: Menschen konnten bei ihrem Einkauf Lebensmittel fĂŒr die Tafeln mitbesorgen und dann am Eingang “spenden”. Das kenne ich von Tierheimen, und finde es da auch sinnvoll. Nun habe ich ĂŒberall nach einer ErlĂ€uterung gesucht und mich gefragt, ob das vielleicht eine Aktion vom Rewe ist, so nach: “Alles, was hier zusammenkommt, packen wir nochmal oben drauf”-Art. Schien nicht so zu sein. Und auch wenn ich es gut finde, dass jeder Einzelne daran erinnert wird, dass es auch in seiner Verantwortung liegt, Armut zu bekĂ€mpfen, wenn es denn irgendwie geht, fand ich die Aktion doch ziemlich fragwĂŒrdig. ZunĂ€chst, weil wir wissen, wie viele Lebensmittel jeden Tag weg geworfen werden. Wieso spendet dann die Kette Rewe nicht einfach mehr? Und zum zweiten wegen Deines Punktes: Da geben Menschen (und es sind viele TĂŒten zusammen gekommen) etwas fĂŒr die Versorgung finanziell schlechter gestellter. Aber sie bestimmen nicht, wer die Sachen erhĂ€lt. Das bestimmt das Amt. Ein merkwĂŒrdiger Bruch, fand ich. Ist das nachvollziehbar, oder habe ich das einfach nicht verstanden?

  5. WOW, danke! Mir geistert das auch seit einer Weile schon durch den Kopf. Eine einst sehr einflussreiche Generation wird einfach vergessen. Meine Oma ist eine von ihnen, es tut mir immer schrecklich leid, wenn ich ihr etwas “unterjubeln” möchte, ohne dass sie sich blamiert fĂŒhlt – und sie mich natĂŒrlich sofort durchschaut…
    Eine Blogparade wĂ€re vielleicht wirklich eine gute Idee! Ich wĂŒrde eine Oma-Casestudy schreiben.

  6. Du hattest wohl ein Ă€hnliches SchlĂŒsselerlebnis wie seinerzeit die Manomama. Und da mir sehr viel zu dem Thema einfĂ€llt werde ich das mal aufgreifen und demnĂ€chst in meinem Blog ein paar Gedanken dazu formulieren. Im Augenblick habe ich leider wenig Zeit um einen ausfĂŒhrlichen Kommentar zu schreiben. Aber auf jeden Fall schon mal Hut ab fĂŒr das sehr ausfĂŒhrliche Posting. Das ist eine Vorlage die nur schwer zu ĂŒbertreffen ist…

  7. Der Blogpost hat das Wesentliche zum Thema nachfĂŒhlbar zusammengefasst. Man könnte sich noch lange ĂŒber Ursachen und Abhilfe auslassen. Aber ArmutsgefĂ€hrdete und Arme sind wohl nicht so systemrelevant. Ich habe Deinen Blogpost mal “entfĂŒhrt” in der Hoffnung auf eine grĂ¶ĂŸere Leserschaft fĂŒr den Post. Hier findest Du ihn wieder

    http://ostpirat.blogspot.de/2013/11/pfandflaschen-im-coolsten-land-der-welt.html

    Mach weiter so, es ist nötig, leider

  8. Leider kann man das an allen Orten sehen. Wenn man sieht, wieviele Flaschensammler es in Deutschland gibt, dann will ich nicht wissen, wie es in Griechenland und Spanien aussieht. Die Zukunft wird vermutlich nicht besser werden.

  9. Im Grunde ist es einfach nur traurig so etwas zu sehen. Hier muss sich endlich etwas in unserer Gesellschaft tun, es kann nicht sein, dass die Menschen in die Armut geraten und kaum etwas zum Leben haben. Jeder hat ein Recht darauf ein vernĂŒnftiges Leben fĂŒhren zu können, ohne jeden Cent 100 Mal umzudrehen.

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