Pfandgeld


Schon wieder in eigener Sache. Weil wichtig ūüôā

Vorletzten Freitag ging ich unsere Kleinkapitalanlagen aufl√∂sen. In bester Laune schleppte ich die sich seit √Ąonen in unserem Keller befindlichen Pfandflaschen zum hiesigen Nahversorgungszentrum.

W√§hrend ich an einer dieser gro√üen, Arbeitspl√§tze-vernichtenden und seltenst reibungslos funktionierenden Maschinen stehe, schleicht ein Mann Mitte 60 um mich herum. Irgendwann geht er zum M√ľlleimer und sucht darin. Ich sehe ihn mir an. Er ist sehr ordentlich gekleidet – altes, aber gepflegtes Jackett, geputzte Schuhe, die alte Stoffhose hat eine akkurate B√ľgelfalte und der Mann hat sich morgens frisch rasiert. Ich brauche an dem Automaten eine halbe Ewigkeit, und als ich das n√§chste Mal schaue, ist er um die Ecke verschwunden.

Eine meiner Flaschen funktioniert nicht. Ist eine aus der Schweiz, also mal nicht die Schuld des Automaten. Als ich gehe, ist der Herr wieder da und fordert mich auf, ihm die Flasche zu geben. Ich bedauere, dass ihm die Flasche nicht helfen wird – er sieht sie sich dennoch an. Als er kopfsch√ľttelnd sagt, die m√ľsse man wohl wegschmei√üen, reiche ich ihm meinen Pfandbon. Auf seine Frage: “Was soll ich denn damit?” sage ich ihm, den wolle ich ihm gerne schenken, wenn er denn m√∂ge.

Er bedankt sich herzlich und geht den Bon sofort einl√∂sen. Wieder zu Hause fange ich an zu heulen. Und denke seitdem √ľber diese Begegnung nach.

Nat√ľrlich habe ich schon mitbekommen, wie Menschen in M√ľlleimern nach Pfandflaschen suchen. Bin ja nicht blind. Aber das war nicht die “Ich-bin-durchs-soziale-Netz-gefallen-und-schlafe-zwischen-Autos”-Armut. Das ist die neue “Meine-Rente-reicht-am-Ende-des-Monats-nicht-mehr-f√ľr-Essen”- Armut. Die eine ist selbstredend nicht weniger tragisch als die andere. Warum ich auf diese Geschichte dennoch relativ heftig reagiert habe, liegt vermutlich an drei Faktoren:

Zum Ersten ganz wesentlich an diesem Blogpost von mamamiez √ľber ihr pers√∂nliches Erlebnis mit Altersarmut. Als mir der Mann gegen√ľber stand, fiel mir der Text und die dazugeh√∂rige Diskussion unter dem Blogpost ein. Das war der einzige Grund, weshalb ich mich traute, ihm den Bon einfach in die Hand zu dr√ľcken. Ich mache das ungern, denn ich will niemanden in Verlegenheit bringen und eventuell Scham ausl√∂sen. Dabei bin ich mir bewusst – wie auch in der Diskussion auf “Bis einer heult” des √∂fteren angesprochen wird – dass ein Pfandbon¬†absolut gar nichts besser macht. Im Optimalfall erspart er dem Mensch einen Tag Suche nach Pfandflaschen am Ende des Monats. Das ist leider ziemlich wenig.

Zum Zweiten am Gespr√§ch mit meinem¬†Lieblings-Sozialfall am Tag darauf. Der ist Papa, hatte nie gro√üartig die Chance auf eine Ausbildung, und ist seit gef√ľhlten 15 Jahren Stra√üenverk√§ufer der Obdachlosenzeitung. Wenn ich ihn vor dem Supermarkt treffe, bringe ich ihm meistens etwas Essbares mit – dann wei√ü ich, er kocht f√ľr sich und seinen Sohn. Am Samstag erz√§hle ich ihm von meiner Begegnung, denn er kennt ja die meisten anderen. Diesen Mann kennt er nicht, aber er sagt etwas recht Eigenartiges. Er erz√§hlt mir, dass es ihm immer h√§ufiger passiere, dass gerade √§ltere Menschen bedauern, ihm kein Geld geben zu k√∂nnen – speziell am Ende eines Monats. Und er sagt, diese Generation tue ihm furchtbar leid. Ihm. Leid.

Zum Dritten an etwas, das vor allem das Netz betrifft. Ich hole ein wenig weiter aus:
Mittlerweile nutzt etwa 1 Milliarde Menschen auf der Welt das Internet. Dabei gibt es zwar eine deutliche Ballung in den Industrienationen, aber auch √§rmere L√§nder sind bereits an das Internet angeschlossen, Tendenz weiter steigend. Viele Menschen nehmen hier im Netz an Diskursen teil und geben sich und ihren Belangen eine Stimme. In Deutschland (und es wird im Rest der Welt ganz √§hnlich sein) ist aber vor allem eine Generation zahlenm√§√üig immer noch unterrepr√§sentiert. Die ARD/ZDF-Studie fasst sie unter dem Namen “Silversurfer” zusammen. Den geringsten Anteil an Onlinern bilden somit die Menschen ab 70.

Zieht man das in Betracht, kommt man unweigerlich zu dem Schluss, dass eine komplette Generation (und zwar eine zahlenm√§√üig im Grunde genommen √ľberaus einflussreiche) von dem einzigartigen Sichtbarmachen von Diskursen im Internet quasi ausgeschlossen ist. Im Blogpost auf “Bis einer heult” oder in Postings wie meinem hier sehen wir Einzelschicksale, die von anderen (Nicht-Betroffenen) verbalisiert und digitalisiert werden. Gehen wir davon aus, dass das lediglich ein sehr, sehr kleiner Ausschnitt ist, den wir hier, im Netz, erleben. Weil es hier kaum Sprachrohre f√ľr diese unterrepr√§sentierte Gruppe gibt. Deren Schicksale gehen uns aber ebenfalls etwas an. Wir lesen derzeit h√§ufig vom einseitig aufgek√ľndigten Generationenvertrag. Ich frage mich, ob wir uns alle im Klaren dar√ľber sind, wie viele Menschen wir im Stich lassen, wenn wir im Netz so wenig √ľber Altersarmut sprechen.

Das ist eine etwas gewagte These. Ich habe also eine kurze Recherche angeschlossen und google.de befragt: Eine Suche zu “Altersarmut in Deutschland” ergibt ca. 845.000 Treffer. Das ist ganz beachtlich. Eine Suche unter den willk√ľrlich gew√§hlten Stichw√∂rtern “Sch√∂nheitsideal Frau” zeigt aber 9.970.000 Ergebnisse. Ein Missverh√§ltnis, das zumindest einmal konstatiert werden sollte.

Altersarmut existiert in Deutschland. Sollten wir nicht ändern, dass sie online kaum in unseren Fokus gerät? Ich bin sehr gespannt auf Eure Meinungen hierzu. Schreibt mir nen Kommentar, ja?

Update: Hier bloggt der K√∂nig von Haunstetten sehr differenziert zum Thema Altersarmut – und erkl√§rt, warum ein richtiger Weg √ľber den fl√§chendeckenden Mindestlohn f√ľhren k√∂nnte. Er √§u√üert aber auch berechtigte Skepsis an der Reichweite einer solchen Diskussion im Internet. Ich habe ihm geantwortet.

Hier kann die Pr√§sentation von Dunkelangst zum Thema “Social Networks” angesehen werden. Er entwickelt darin Ideen, wie sich die Kommunikation und Vernetzung zwischen den Blogs verbessern l√§sst. Um wieder einen st√§rkeren Akzent auf die Weblogs und die Vernetzung untereinander zu legen. Ich verlinke das deshalb hier im Beitrag, weil wir weiter unten in der Diskussion auch Zweifel an Einfluss und Reichweite eines solchen Diskurses im Netz bzw. in der Blogosph√§re sehen. Warum das nicht unbedingt so bleiben muss, und was im eigenen Blog als social tool noch f√ľr Potential steckt, k√∂nnt Ihr Euch in dieser Pr√§sentation und im sicher bald folgenden Videobeitrag ansehen.


27 Antworten zu “Pfandgeld”

  1. Danke! Ein wichtiges Thema. Eine M√∂glichkeit w√§re, es durch eine “Blogparade” ieiner breiteren Netz√∂ffentlichkeit ins Bewu√ütsein zu bringen. Warum soll es nur Blogparaden zu “Soulfood” oder “wie k√∂nnen wir unsere T√∂chter st√§rken” geben? Nichts gegen diese Themen.

    Leider ist mein Blog nur ein Nischenblog und hat nicht die daf√ľr erforderliche Reichweite. Ich habe auch schon zu dem Thema geschrieben und zwar im Zusammenhang mit Pflegebed√ľrftigkeit.:
    Neulich in der Alzheimer-Angehörigengruppe
    http://alzheimerblog.wordpress.com/2010/09/01/neulich-in-der-alzheimer-angehorigengruppe/

  2. Es sind die kleinen Dinge, vor denen man so gern die Augen verschließt, vor allem, weil es so leicht ist.
    Und es erinnert mich daran, dass ich mich bereits ein halbes Dutzend Mal geärgert habe, nichts zu Essen dabei zu haben, um es den meinem Blickfeld auf dem Arbeitsweg wohlbekannten Figuren zukommen zu lassen.
    Danke f√ľr den Finger in der Wunde.

  3. Ich finde es gut, dass du ihm den Bon √ľberlassen hast und dein Schamgef√ľhl diesbez√ľglich √ľberwunden hast. Ein tolles Projekt f√ľr’s Netz w√§re vermutlich einen Podcast zu machen mit Interviews von NonSilverSurfern.

  4. Gerade via Twitter hierher gekommen. Ich alter Sack! :))

    Du vermengst da einiges. Sehr.
    Ja es gibt Altersarmut. Das war absehbar. Es wird Altersarmut in deiner Generation geben. Ja. Das ist ein Problem. Ja. Aber was hat das mit dem Netz zu tun?

    Ich bin 61 und habe silbernes Haar, schon seit bald 20 Jahren. In 5 Monaten beginnt der passive Teil meiner Altersteilzeit und in weiteren 2 Jahren gehe ich echt in Rente. Nein, ich werde wahrscheinlich nicht in Altersarmut versinken, aber es wird knapper. Und ich hasse den Begriff Silversurfer. Der ist so Sinn entleert, wie der Begriff Generation Golf. Oder die Diskriminierung blonder Frauen.

    Ich hatte meine erste Homepage 1999, blogge seit 2002, hatte Teil an wirklich großen Literaturforen. Und dort umgaben mich auch gleichaltrige Leute. Ich war und bin aktiv im Netz. Es gibt riesige Senioren-Foren und Communities, die meist den Touch von digitalen Butterfahrten haben, ich mag sie nicht, aber es gibt sie. Ein Arbeitsleben ohne Computer kenne ich nicht, auch wenn dies zu Anfang Lochkarte und Lochstreifen hieß. All diese IT-Welten sind nicht aus der Welt gefallen. Sie wurden aufgebaut. Entwickelten sich.

    Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

    Du begegnest diesen Menschen wahrscheinlich nur selten im Netz, weil sie sich schlicht anderswo herumtreiben, behaupte ich einfach einmal. Schonmal bei WkW nachgesehen? WkW war DIE Killerapplikation f√ľr Menschen > 50. Und die migrieren alle nach Facebook. War wenigstens so. Ich habe beide “Netzwerke” verlassen, weil mir das zu mainstreamig und zeitfressend ist.

    Du gehst davon aus, dass “Deine” Generation aktiver im Netz ist? Mit Diskursen? Wenn man den Unfug bei Facebook sieht bestimmt nicht.
    Guck dich einmal um. Internet ist in aller Regel Porno, daddeln und saugen.
    Das Netz als wohl geordneter Raum, in dem Diskurse stattfinden um Sprachrohr f√ľr Altersarmut zu sein? Scheint mir eine sehr, √§h, idealistische akademische Sicht zu sein.

    Es ist alles eine Frage der Wahrnehmung.

    Aber konkret: Zum Pfandproblem empfehle ich:
    http://www.pfand-gehoert-daneben.de/

    Off Topic:
    Altersarmut ist ein politisches Problem. Ja.
    Ich bin voriges Jahr √ľbrigens bei den Gr√ľnen ausgetreten. Vordergr√ľndig wegen anderer Dinge. Hintergr√ľndig aber auch wegen solcher Probleme, denen sich eine alternde Partei aber nicht stellt. Ist nicht ihr Klientel. Eine gr√ľne Sozialpolitik gibt es nicht wirklich, so wenig wie ernsthafte Netzpolitik, in der Breite der Partei.

    Aber ich finde es wirklich gut, dass du das f√ľr dich hier verbalisierst!

    • Sehr interessant, die Darstellung aus deiner Sicht der Dinge – und z.T. mit Aha-Effekt (WkW).
      Den Begriff “Silversurfer” empfinde ich als ebenso widersinnig wie die vielen weiteren Schubladen, die sich Kategorisierw√ľtige so gern ausdenken. Es hilft allenfalls bei der Identifikation von Problemfeldern, weniger aber bei deren Adressierung.
      Internet ist Porno, daddeln, saugen: Richtig. Aber eben nicht nur: Mittlerweile ist googeln und SocialMedia dazugekommen. Was Google ist, war fr√ľher(tm) mal Altavista, die Rechercheziele sind weiterhin Porno, Spiele, Downloads. Aber eben auch Leute, nach denen vor 15 Jahren kaum jemand eine Suchmaschine befragt h√§tte.
      Parallel dazu nutzen inzwischen selbst netzophobe Rentner wie bspw. meine Eltern Internetbanking, Wikipedia, Facebook und Email (wenn auch haupts√§chlich f√ľr Versicherungen, Vertr√§ge und Co.) – auch wenn das eher durch die offensichtliche Bequemlichkeit der Informationsbeschaffung als durch √úberzeugung getriggert ist.

      Ich gebe dir Recht, wenn du sagst, es mutet “idealistisch akademisch” an, etwas in Blogs thematisieren und ggf. sogar adressieren zu wollen – das betrifft nicht nur die Altersarmut, sondern auch beliebige weitere Themen. Daf√ľr ist die “Blogosph√§re” schlicht nicht einflussreich genug.

      Nichtsdestotrotz: Eine gen√ľgend gro√üe kritische Masse entsteht auf Blogs auch √ľber die Zeit – ebenso, wie es mit Informationen √ľber “normale Menschen” mittels Social Media passierte. Und wenn man in zwanzig Jahren mit entsprechend grassierender Altersarmut einer dann durchaus netzaffineren √§lteren Generation gegen√ľbersteht, mag eine stete, kleine, nach wie vor vorhandene historische Information gefunden werden. Und als Teil einer dann gr√∂√üeren Welle dienen.

      • Danke, Euch zwei! Ich denke, wir sind uns in einem Punkt absolut einig: Meine Sicht auf das Internet ist eine hochidealistische. Ein paar Jahre lang hat mich daher die Entwicklung der Social Media richtiggehend traurig gemacht. Es ist, wie in einem Blog stand, den ich nicht mehr finden kann. Ich zitiere aus dem Ged√§chtnis: “Stell Dir vor, Du hast das m√§chtigste Kommunikationsmittel der Welt. Und alle nehmen es und benutzen es, um Katzenbilder und Essensfotos zu teilen.” Brecht dreht sich im Grabe um … Mittlerweile aber denke ich, Du kannst ohne die Pornos und Katzenbilder kein basisdemokratisches Medium aufbauen. Die Gesellschaft ist bunt, und die meisten interessieren sich nicht f√ľr die Diskurse, f√ľr die ich mich interessiere. Andererseits kann ich mich hier mit Menschen austauschen, die ich ohne das Netz nict kennen gelernt h√§tte – und die sich durchaus auch f√ľr anderes interessieren.
        Ich kann Dir @mikel, nicht ganz folgen, was die Vermischung angeht, die Du siehst. Mein Punkt ist, dass ich glaube, wir brauchen im Netz ein tats√§chliches Abbild der Gesellschaft, um es f√ľr alle nutzbar zu machen. Der Begriff der Silversurfer ist ziemlich l√§cherlich, d√°ccord, aber es ist ein mit harten Zahlen belegbarer Fakt, dass Du mit Deinem Netzverhalten in Deiner Generation die Ausnahme bist. Nat√ľrlich gibt es Menschen ab 60 im Internet.
        Viele sind es jedoch nicht, verglichen mit den nahezu 100% in der Generation der 14-29-j√§hrigen. Und ich z√§hle Online-Banking nicht zur “Nutzung” des Internet dazu.
        Danke Dir f√ľr die explizite Verlinkung auf die Pfand-geh√∂rt-daneben-Aktion. Vielleicht ist die ein gutes Beispiel f√ľr das, was ich meine – und was Steffen so sch√∂n mit der zeitlichen Dimension ausdr√ľckt: F√ľr sich genommen ist jede daneben gestellte Pfandflasche nur eine kleine, menschliche Geste. Nicht unbedeutend, aber, honestly: Who cares? Mit Verbreitung und Information wird daraus eine gro√üe Geste, eine, die eine bestimmte kritische Masse erreicht oder vielleicht erst in einigen Jahren erreichen wird. Oder so formuliert: Deine (kleinen, v√∂llig unbedeutenden) Taten werden gesehen und kommuniziert. Wenn etwas im Netz besprochen wird, hat es in aller Regel den Vorteil eines h√∂heren Multiplikators. Und wie Du selbst feststellst: Die Entwicklungen im Bereich der Computertechnologie sind doch bereits so stark mit unserem “Offline”-Leben verkn√ľpft – kann da tats√§chlich noch von einer Vermengung zweier getrennter Bereiche, wie Du sie oben angedeutet hast, gesprochen werden? Vielleicht magst Du mir dazu noch was schreiben. ūüôā

        @Steffen: Du erklärst mir meine zweite Überschrift besser als ich es selbst könnte: Das Netz ist das, was Du draus machst. Danke.

      • Tut mir Leid, aber dein idealisiertes Bild vom “Netz” kann ich nicht teilen. Ob es in 20 Jahren die Server von WordPress.com noch gibt? Nur z.B. √úbrigens ein interessantes Problem, die Nachhaltigkeit von Netzinhalten.

          • … sagte der Mann, der gerade seinen seit 5 Jahren nicht mehr gepflegten Blog aus den Tiefen des Netzes gezogen hat ūüôā Das Problem der digitalen Archivierung ist ein anderer, ziemlich umfassender Bereich – √ľber den ich nur so viel wei√ü, dass sich sehr kluge Menschen momentan intensive Gedanken dar√ľber machen. Auch hier lohnt sich aber ein Abgleich: Wie ist das denn mit der Archivierung von Alltagsthemen z.B. im Printmedium, oder mit der m√ľndlichen Tradierung von Inhalten bisher gewesen? Wie viel wurde √ľbermittelt, und wie viel ist wohl verloren gegangen? Ich denke, digital gibt es die bisher gr√∂√üte Chance, etwas anderes als Kinderlieder, Blondinenwitze, Volksm√§rchen und elaborierte fachliche Diskurse von Experten tats√§chlich zu tradieren. Die Chance n√§mlich, everybody¬īs voice √ľber einige Zeit festzuhalten. Oder wer h√§tte einem von uns vor 50 Jahren ernsthaft zugeh√∂rt, geschweige denn versucht, aufzuzeichnen und zu tradieren, wovon wir vielleicht gesprochen h√§tten? Und selbst wenn: Eine realistische Einsch√§tzung aller anderen Speichermedien muss dann auch sein. Ein Brand in der Anna Amalia Bibliothek vor einigen Jahren hat uns das mit den B√ľchern und der Haltbarkeit wieder vor Augen gef√ľhrt, weswegen es mittlerweile riesige Projekte zur Digitalisierung der alten Buchbest√§nde gibt. Also auch die Bibliophilen sehen die bestm√∂gliche Sicherung im Vorhandensein einer digitalen Kopie. Dass hierzu Aufbewahrungsorte gefunden werden m√ľssen, die sicher sind und der eigenen Kontrolle unterliegen, da stimme ich Euch selbstverst√§ndlich zu.

      • Nur kurz eingeworfen: Und deshalb ja auch die Ironblogger. Hier werden eher wirklich die eigenen Blogs gepusht. Wenn nun einige erstmal mit wordpress.com anfangen ist das schon ok, denn vielleicht hosten sie ihre Inhalte irgendwann selbst.

        Besser als dass gute Diskussionen und Gedanken zwischen undurchsichtigen Filtern und Anzeigeeinstellungen eines gro√üen sozialen Netzwerkes verloren gehen w√ľrden…

        Gr√ľ√üe
        DD

        • Hm. Ja, Du hast sicher Recht. Obwohl ich das mit den “Der darf bei den IronBloggern mitmachen und der aber nicht”- Regeln bis heute nicht begriffen habe. Auch, dass einige Menschen nicht auf fremdgehostete Blogs verlinken, ist mir, ehrlich gesagt, ein R√§tsel. Wenn wir die Blogs als Social Tools einordnen, ist es doch gerade von Vorteil, wenn auch Menschen, die nicht selbst coden k√∂nnen, die M√∂glichkeit gegeben wird, sich mithilfe gr√∂√üerer Plattformen zun√§chst an das Thema heranzuwagen. Ich h√§tte ohne wordpress nicht angefangen, zu bloggen. Neverever. Aber 2 Minuten irgendwo anmelden, und dann drag and drop? Na gut, dann kann ich das probieren. Jetzt blogge ich seit ein paar Monaten und m√∂chte, so bald es mir m√∂glich ist, diesen Blog in einen selbstgehosteten √ľberf√ľhren. Weil das learning by doing wirklich sehr viel bringt.
          Diese Zweiteilung in die “echten” und die “falschen” Blogs aber st√∂rt mich enorm. Das hat etwas davon, nur bei den “coolen Kids” mitspielen zu d√ľrfen, wenn man technisch auch genug versiert ist. F√ľr mich z√§hlen, wie Du auch sagst, die Inhalte wesentlich mehr als das Setting. Nicht zuletzt h√§tte ich Euch nicht kennen gelernt, h√§tte ich diese “Hilfe” nicht gehabt. WordPress kann also so √ľbel ja gar nicht sein ūüôā

    • Hallo mikel, Hallo Luna, Hallo Alle,

      wie Du mikel bin ich ebenfalls seit dem letzten Jahrtausend im Netz unterwegs. Ich bin jedoch fast zwei Jahrzehnte j√ľnger als Du und lebe auf dem Land. Und doch geh√∂re ich mit meiner Netzaffinit√§t – nicht nur f√ľr Shoppen und Online-Banking, sondern auch mit HTML-, CSS- und PHP-Basiswissen, diversen selbst erstellten Websites und Blogs sowie Twitter-Account – auch noch zu einer Minderheit meiner Generation. Weder in der Generation meiner Eltern (nur wenig √§lter als Du), noch in der meiner Gro√ümutter kenne ich auch nur EINEN aus meinem Bekanntenkreis, der das Internet so selbstverst√§ndlich als Kommunikationsmedium nutzt. Und das bedenken und ber√ľcksichtigen aus meiner Sicht weder routinierte Webpublizisten, noch die Piraten als Netzpartei in ausreichendem Ma√üe. Ich meine, das hat die Juna schon ganz richtig beobachtet und eingesch√§tzt.

      Nun noch ganz kurz was zum Thema Altersarmut oder wachsende Armut in der Gesellschaft allgemein:
      Ich finde die Aufmerksamkeit und das Mitgef√ľhl, das Du Juna und auch Mamamiez vor einiger Zeit mit Eurem spontanen Engagement gezeigt habt, uneingeschr√§nkt toll. Auch dass Ihr dar√ľber gebloggt habt, finde ich prima, denn es bringt vielleicht ein paar andere dazu, etwas aufmerksamer f√ľr die N√∂te von Menschen in ihrer unmittelbaren N√§he zu werden.
      Was ich aber nicht mehr so toll finde, sind Organisationen wie die Tafeln. Denn die privatisieren m.E. die Verantwortung, die eigentlich die gesamte Gesellschaft f√ľr die Absicherung finanziell schw√§cher Gestellter hat und sorgen daf√ľr, dass der Staat sich mehr und mehr aus seiner Verantwortung stiehlt. Zudem verfestigen sie ein Klassensystem, in dem Reiche √ľber Armut und Arme richten. Wohlhabende legen dann nach Gutsherrenmanier die Bedingungen fest, nach denen Menschen die Hilfe der Gemeinschaft “verdienen”. Das halte ich f√ľr unsozial und undemokratisch.

      Herzliche Gr√ľ√üe,
      Netzgaertnerin

      • Danke f√ľr Deinen Kommentar! Auch da stimme ich Dir zu. Wir haben hier in Heidelberg zwar viele unterschiedliche, und in meinen Augen vorbildliche, Organisationen – ich habe zum Beispiel mal was √ľber den Kinderschutzbund getwittert, bei dem jede/r Kinderkleidung tauschen kann ohne sich vorher als “vom Amt bed√ľrftig” ausweisen zu m√ľssen. Aber der Trend nach einer Art amtlich beglaubigten Armut (denn hier liegt das Problem ja im Gegenpol: Was sind dann alle anderen? Selbstverschuldet arm? Haben nicht arm zu sein? Hm.) ist da und √ľberaus bedenklich.
        Mein pers√∂nlicher Aufreger im Hinblick auf die Tafeln war dieser: Hier im REWE fand eine Sammlung statt: Menschen konnten bei ihrem Einkauf Lebensmittel f√ľr die Tafeln mitbesorgen und dann am Eingang “spenden”. Das kenne ich von Tierheimen, und finde es da auch sinnvoll. Nun habe ich √ľberall nach einer Erl√§uterung gesucht und mich gefragt, ob das vielleicht eine Aktion vom Rewe ist, so nach: “Alles, was hier zusammenkommt, packen wir nochmal oben drauf”-Art. Schien nicht so zu sein. Und auch wenn ich es gut finde, dass jeder Einzelne daran erinnert wird, dass es auch in seiner Verantwortung liegt, Armut zu bek√§mpfen, wenn es denn irgendwie geht, fand ich die Aktion doch ziemlich fragw√ľrdig. Zun√§chst, weil wir wissen, wie viele Lebensmittel jeden Tag weg geworfen werden. Wieso spendet dann die Kette Rewe nicht einfach mehr? Und zum zweiten wegen Deines Punktes: Da geben Menschen (und es sind viele T√ľten zusammen gekommen) etwas f√ľr die Versorgung finanziell schlechter gestellter. Aber sie bestimmen nicht, wer die Sachen erh√§lt. Das bestimmt das Amt. Ein merkw√ľrdiger Bruch, fand ich. Ist das nachvollziehbar, oder habe ich das einfach nicht verstanden?

  5. WOW, danke! Mir geistert das auch seit einer Weile schon durch den Kopf. Eine einst sehr einflussreiche Generation wird einfach vergessen. Meine Oma ist eine von ihnen, es tut mir immer schrecklich leid, wenn ich ihr etwas “unterjubeln” m√∂chte, ohne dass sie sich blamiert f√ľhlt – und sie mich nat√ľrlich sofort durchschaut…
    Eine Blogparade w√§re vielleicht wirklich eine gute Idee! Ich w√ľrde eine Oma-Casestudy schreiben.

  6. Du hattest wohl ein √§hnliches Schl√ľsselerlebnis wie seinerzeit die Manomama. Und da mir sehr viel zu dem Thema einf√§llt werde ich das mal aufgreifen und demn√§chst in meinem Blog ein paar Gedanken dazu formulieren. Im Augenblick habe ich leider wenig Zeit um einen ausf√ľhrlichen Kommentar zu schreiben. Aber auf jeden Fall schon mal Hut ab f√ľr das sehr ausf√ľhrliche Posting. Das ist eine Vorlage die nur schwer zu √ľbertreffen ist…

  7. Der Blogpost hat das Wesentliche zum Thema nachf√ľhlbar zusammengefasst. Man k√∂nnte sich noch lange √ľber Ursachen und Abhilfe auslassen. Aber Armutsgef√§hrdete und Arme sind wohl nicht so systemrelevant. Ich habe Deinen Blogpost mal “entf√ľhrt” in der Hoffnung auf eine gr√∂√üere Leserschaft f√ľr den Post. Hier findest Du ihn wieder

    http://ostpirat.blogspot.de/2013/11/pfandflaschen-im-coolsten-land-der-welt.html

    Mach weiter so, es ist nötig, leider

  8. Leider kann man das an allen Orten sehen. Wenn man sieht, wieviele Flaschensammler es in Deutschland gibt, dann will ich nicht wissen, wie es in Griechenland und Spanien aussieht. Die Zukunft wird vermutlich nicht besser werden.

  9. Im Grunde ist es einfach nur traurig so etwas zu sehen. Hier muss sich endlich etwas in unserer Gesellschaft tun, es kann nicht sein, dass die Menschen in die Armut geraten und kaum etwas zum Leben haben. Jeder hat ein Recht darauf ein vern√ľnftiges Leben f√ľhren zu k√∂nnen, ohne jeden Cent 100 Mal umzudrehen.

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